Schau hin, sprich es an!

Das Thema hat gesellschaftliche Relevanz. Nicht nur, weil Gewalt an Frauen Unrecht ist. Auch, weil der wertvolle Beitrag unzähliger Frauen ohne Befreiungsschlag häufig versickert. 

„Geh raus, rede mit jemandem. Es ist unglaublich befreiend. Das kann jede Frau. Es gibt Menschen, die dir zuhören.” Das sagt Andrea Nielbock, eine der hier interviewten Frauen – eine von geschätzen 16 Millionen im deutschsprachigen Raum. Offiziellen Zahlen des Familienministeriums zufolge ist jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben physischer und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Bei etwa jeder vierten ist es der aktuelle oder frühere Partner. Das zieht sich durch alle sozialen Schichten. 


„Erschreckend”, sagt Netzwerkexpertin und Herausgeberin Petra Polk. 

„Statistiken belegen, dass die häusliche Gewalt im Corona-Lockdown noch gestiegen ist, ganz zu schweigen von der Dunkelziffer. Stünden all diese Frauen auf … die Welt wäre eine andere.” Für Petra Polk hört Netzwerken nicht beim Business auf. „Eine starke Community wie W.I.N Women in Network® bietet einen geschützten Raum – auch dafür. Das sehe ich als unsere Verpflichtung an”. Indem sie das heiße Eisen angreift, übernimmt sie Vorbildfunktion. 

Denn Gewalt hat fließende Grenzen, emotionale Erpressung, ständige Kontrolle, etwa, dass die Frau kein eigenes Konto hat, gehören genauso dazu, wie Demütigungen. „Das muss aufhören. Jede Frau soll sich ihrer selbst bewusst sein”. In derartigen Erfahrungen ist häufig die Energie der Frau gebunden. Sie fehlt ihr bei der Potenzialentfaltung – und damit letztlich der Gesellschaft. „Traut euch, euer eigenes Leben in die Hand zu nehmen”, so Petra Polk. „Schaut hin, sprecht es wertschätzend an. Es kann sein, dass eine Freundin Starthilfe braucht, um die Opferrolle zu verlassen.


„Lange tappte ich im Dunkeln. Bis zu meinem 40. Lebensjahr konnte ich mich an nichts erinnern. Das Leben empfand ich als schwierig, insbesondere Beziehungen mit Männern”, erzählt Andrea Nielbock. 

Bei einem Therapeuten kam das Schlüsselerlebnis. Alle in der Gruppe hatten ein Thema zu „bearbeiten“, ihres war schwammig, undefiniert. In einer Trance war das Bild auf einmal da – und damit kam die Erinnerung. 

Sie ist etwa zehn Jahre alt. Nach dem geliebten Sport sind sie und die Freundin die letzten in der Umkleidekabine. Die Freundin ist schon draußen, ein Mann nutzt die Situation aus. Als sie es ihr erzählt, lacht diese sie aus. Lange Zeit bleibt es ihr Geheimnis, extrem „gut” weggepackt. Von da an ändert sich ihr Leben, ihre Kindheit. 

Andrea Nielbocks erste Beziehung ist von Gewalt, Alkohol und „unschönen Dingen” geprägt, so dass sich das in der Kindheit entstandene Bild von Männern, „die halt alle so sind”, verfestigt. Ihre weiteren Beziehungen scheiterten, weil sie jedem Mann misstraute. Mit ihrem jetzigen Mann ist die Expertin für Stressmanagement und Achtsamkeit seit fast 25 Jahren verheiratet. Er hat ihr „coming out“ miterlebt und -getragen. Erst in dieser Zeit fasst sie mehr und mehr Vertrauen und kann nach und nach loslassen. 

„Die Gewalterfahrung ist unwiderruflich ein Teil von mir, ist immer da. Jedoch ist es nur ein Teil und ich lenke meine Aufmerksamkeit immer öfter auf die anderen Teile, die mich ausmachen. Ich habe inzwischen das Selbstbewusstsein und die Selbstliebe in mir, die es braucht, um ein glückliches Leben zu führen – auch wenn es ein lebenslanger Lernprozess ist.” Eine Lebensaufgabe: Nie wieder still sein, hinschauen und sichtbar sein. So wie in ihrem als Mitautorin erschienenen Buch „Unsichtbar - Wir zeigen Gesicht“. Für eine bessere Welt ohne Gewalt. 

„Ich bin eine Überlebende, eine mutige Aktivistin”, sagt Alice Westphal. 

Vor etwa drei Jahren gab sie bei der problematischen Geburt ihrer ersten Enkeltochter ein Versprechen ab: „Wenn sie es schafft, gehe ich öffentlich“. Weite Teile des Lebens der heute 65-Jährigen waren von Gewalt geprägt: Als Besatzungskind landet sie in einem Säuglings-Waisenheim, wo sie vermutlich erste Gewalterfahrungen erleidet. Der Stiefvater des Pflegevaters verhält sich wenig väterlich und wohl auch andere Männer vergehen sich an ihr. Später, die Liebe zum Partner, der sie öffentlich prügelt. Der Wendepunkt: Auf dem Weg zur KiTa mit dem Sohn vergewaltigt sie ein mit Pistole bewaffneter Mann im Gebüsch und steckt sie mit einer Geschlechtskrankheit an. „Dennoch habe ich mich damals für das Leben entschieden”. 

Für Außenstehende wenig nachvollziehbar ist Westphal direkt danach arbeiten gegangen, „weil mein Chef gesagt hat, ich soll mich an die Schreibmaschine setzen. Bei Missbrauch, häuslicher und sexualisierter Gewalt, kann das Gefühl der Todesangst entstehen, so dass die Frau bzw. das Kind diese so schlimmen Erfahrungen „einfach“ abspaltet (dissoziiert), um weiter leben zu können. Ich frage mich häufig, was ich in meinem früheren Leben wirklich so richtig freiwillig gemacht habe”. Sogar das Marathonlaufen stellt sie in Frage, „ich habe mich lange Zeit nicht gespürt.” Für andere ist sie „taff”, obwohl sie häufig krank war: Hörstürze, Bandscheibenvorfälle, Erschöpfung, viele Unfälle. „Wir stecken so viel Energie rein, um uns zu schützen”. Erst bei den letzten Marathonläufen gab es ein klares, inneres Ja. „Erst heute lerne ich mich auch als erotische Frau zu erfahren”. 

Die Frauen spüren so viel Schuld und Scham. „Ich möchte allen Frauen, die Ähnliches erfahren haben, ein Vorbild sein”. Sie verwendet für ihre Sichtbarkeit den Hashtag #ichbinjededrittefrau. „Ich wünsche mir, dass wir alle sichtbar werden. Um ein Umdenken in der Gesellschaft und in der Politik zu bewirken! Denn schuld sind nicht wir - sondern die TäterInnen!”

Er kam ungeschoren davon. Er, das ist der charismatische Musiklehrer aus dem Ort, wo Monika Färber ihre Kindheit und Jugend verbrachte.

Sie liebte die Musik. Und der „begnadete Lehrer“ konnte Heranwachsende dafür begeistern. 

Als sie zwischen 12 und 16 Jahre ist, lebt er seine Triebe wiederholt, etwa nach den Proben, an ihr aus. „Ich war nicht die einzige“, erzählt die heute 54-jährige Mutter dreier Kinder. „Es gab Mitwisser, die weggesehen haben”. Sie hat es lange unter Verschluss gehalten. Ein Mix aus Scham und Angst, dass es jemand erfährt, lähmt sie. „Ich habe die Schuld auch immer bei mir gesucht.” Genau an ihrem 16. Geburtstag fand der Übergriff das letzte Mal statt: „Mir wurde klar, dass es erst aufhört, wenn ich nicht mehr hingehe“. 

Nach Jahrzehnten deckt sie es auf. „Man redet sich ein, das macht der nicht mehr‘“. Aber Monika Färber, die auch Community Managerin bei W.I.N ist, wird zur treibenden Kraft, nachdem ihr eine Bekannte von einem aktuellen Vorfall erzählt. Monika Färbers Fall und der vieler anderer, die sich in der Folge melden, ist jedoch verjährt. 

Der Aufschrei im Ort: Wie können die nur? Statt: Wie kann er nur? „Ein Nein, egal ob von einem Mädchen oder Jungen, muss akzeptiert werden”, sagt sie. Und es brauche „waches, bewusstes Hinsehen, mehr Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper und das Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit, dass Missbrauch nicht erst mit einer Vergewaltigung beginnt”. Für die Erwachsene, die sich trotz allem als „Glückskind“ und als stark empfunden hat und empfindet, ist vor allem auch Verzeihen und Loslassen 



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